Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin,
sehr geehrte Damen und Herren des Gemeinderats,
mit großer Besorgnis nehmen wir als Eltern der Stadt Wernau die Planung, die Gebühren für die Kinderbetreuung zum September 2026 und September 2027 um 4 %–4,5 % zu erhöhen, zur Kenntnis und möchten Sie aber auch darum bitten, diese Entscheidung zu überdenken.
In den vergangenen drei Jahren wurden die Gebühren mehrfach erhöht. Das entspricht einer Steigerung um fast 20 %. Das setzt Wernau gemeinsam mit Esslingen und Filderstadt zu den Kommunen mit den höchsten Betreuungskosten in der Region. Für viele Familien inzwischen unbezahlbar.
Ein Blick nach Norden zeigt, dass es auch anders möglich ist: In Stuttgart-Vaihingen kostet eine ganztägige Kinderbetreuung von 07:00 Uhr bis 16:00 Uhr inklusive Verpflegung derzeit 286 € monatlich. Dieses Beispiel zeigt, dass die finanzielle Belastung für Familien nicht ausschließlich durch die tatsächlichen Betreuungskosten bestimmt wird, sondern auch eine Frage der Prioritäten und Gestaltungsmöglichkeiten der Kommune.
Somit möchten wir, die Eltern aus Wernau, einige Punkte hier anbringen und Sie darum bitten, diese bei Ihrer Entscheidung im Blick zu behalten. Kinderbetreuung sollte keine freiwillige Luxus Leistung sein.
Kindertageseinrichtungen sind ein wichtiger Bildungs- und Entwicklungsort. Viele Studien zeigen, dass die frühkindliche Förderung einen entscheidenden Einfluss auf die sprachliche, soziale und kognitive Entwicklung von Kindern hat.
Wenn sich jedoch Familien aufgrund der hohen Gebühren gegen einen Kita-Besuch entscheiden müssen, entstehen Nachteile, die Kinder häufig über Jahre begleiten und einen erfolgreichen Schulstart erschweren.
Wir vertreten die Ansicht, dass die frühkindliche Bildung nicht vom Einkommen der Eltern abhängig sein sollte. Die steigenden Elternbeiträge erschweren jedoch genau diesen Zugang.
Die Finanzierung dieser gesellschaftlichen Aufgabe darf nicht immer stärker auf Familien verlagert werden.
Hierzu kommt der nächste Punkt - der enorme finanzielle Druck, unter dem die Familien bereits jetzt stehen. Steigende Ausgaben für Wohnen, Energie, Lebensmittel, Versicherungen und Mobilität belasten nahezu alle Haushalte. Gleichzeitig konnten viele Einkommen mit dieser Entwicklung nicht Schritt halten. Hinzu kommen Familien, die durch Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit oder andere persönliche Schicksalsschläge bereits jeden Euro zweimal umdrehen müssen.
Hier stellt sich dann die Frage: Warum arbeiten gehen, wenn am Ende kaum bis fast kein Geld mehr zur Verfügung steht?
Seit Jahren wird versucht, mehr Eltern, insbesondere Mütter, in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Jedoch lohnt es sich bei Teilzeitbeschäftigung oder Berufen mit geringem Einkommen im Fall einer Erhöhung der Betreuungskosten die Berufstätigkeit kaum noch. Grund ist, dass ein großer Teil dieses zusätzlich verdienten Einkommens direkt in die Kinderbetreuung einfließen muss.
Besonders werden Alleinerziehende sowie Familien mit mehreren Kindern im Kindergarten- oder Krippenalter von der Erhöhung betroffen sein, welche bereits über ein knappes monatliches Haushaltsbudget verfügen. Gerade diese Familien benötigen Unterstützung – keine zusätzlichen finanziellen Belastungen.
Immer mehr Familien entscheiden sich heute nicht gegen Kinder, weil sie keine möchten, sondern weil sie sich das finanziell nicht mehr zutrauen. Viele Eltern verschieben den Wunsch nach einem zweiten oder dritten Kind oder verzichten vollständig darauf.
Städte konkurrieren heute zunehmend um junge Familien. Bei der Entscheidung wohin man ziehen möchte, spielt auch die Höhe der Betreuungskosten eine Rolle. Diese entscheiden sich jedoch bewusst für ihren Wohnort, Kinderbetreuungskosten spielen bei der Entscheidung eine wichtige Rolle. Viele Familien berichten, dass sie aufgrund der hohen Betreuungsgebühren einen Umzug in eine günstigere Kommune erwägen und für sie Wernau nicht mehr in Betracht kommt. Diese Entwicklung wäre ein großer Verlust und würde langfristige Folgen für unsere Stadt mit sich bringen. Wer Familien verliert, verliert ein wichtiges Fundament einer lebendigen Kommune.
Eine familienfreundliche Kommune sollte Familien in ihrer Lebensplanung unterstützen und keine zusätzlichen finanziellen Hürden schaffen. Eine familienfreundliche Kommune investiert nicht nur in Straßen und Gebäude, sie investiert vor allem in Kinder, ihre Familien und damit in ihre eigene Zukunft. Kinder dürfen in einer familienfreundlichen Kommune nicht zum finanziellen Risiko werden. Die Betreuungsgebühren zu erhöhen sorgt aus unserer Sicht nicht für Entlastung der Kommune, sondern verschärft die Situation zusätzlich.
Dabei möchten wir noch ausdrücklich betonen: Wir sind sehr dankbar für die tägliche Arbeit, das große Engagement und die Verantwortung, welche Erzieherinnen und Erzieher übernehmen. Sie leisten einen unverzichtbaren Beitrag für unsere Kinder und ermöglichen es vielen Eltern überhaupt erst, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Uns ist bewusst, welche wichtige Rolle sie in der Entwicklung unserer Kinder spielen. Wir möchten keinesfalls, dass an ihrer Arbeit, ihrer Wertschätzung oder an der Qualität der Betreuung gespart wird.
Wir bitten daher den Gemeinderat, die geplanten Gebührenerhöhungen auszusetzen und gemeinsam mit den Familien tragfähige Alternativen zu entwickeln. Eine transparente Darstellung der tatsächlichen Kostenentwicklungen als auch der Finanzierung der Kinderbetreuung vorzulegen. Alle möglichen Alternativen auszuschöpfen, bevor die Familien weiter belastet werden. Dies unter der Berücksichtigung der diversen finanziellen Situationen der Familien.
Aus unserer Sicht wäre dies möglich, indem Sie gemeinsam mit den Elternvertretungen tragfähige Lösungen entwickeln und die langfristigen gesellschaftlichen Folgen steigender Elternbeiträge stärker in politische Entscheidungen einbeziehen.
Wir sind uns der finanziellen Herausforderungen der Stadt bewusst. Wir erwarten jedoch, dass Familien nicht zur zentralen Stellschraube kommunaler Haushaltskonsolidierung werden. Die kommunalen Landesverbände und die Kirchen in Baden-Württemberg empfehlen einen Kostendeckungsgrad der Betreuungskosten von 20 % durch Elternbeiträge. Gleichzeitig betonen sie ausdrücklich, dass diese Empfehlungen nicht verbindlich sind und jede Kommune die Möglichkeit hat, ihre Elternbeiträge eigenständig festzulegen.
Wir appellieren deshalb an den Gemeinderat, die Empfehlungen nicht als zwingende Vorgabe zu verstehen, sondern die besondere Situation der Familien in Wernau sowie die tatsächliche Leistungsfähigkeit ihrer Familien zu berücksichtigen.
Zum Abschluss möchten wir Ihnen noch einmal ans Herz legen:
Eine starke Kommune investiert in ihre Kinder.
Sie investiert in Bildung.
Sie investiert in Chancengleichheit.
Sie investiert in berufstätige Eltern.
Sie investiert in die Zukunft.
Mit freundlichen Grüßen
Sandra Motzer, Nicole Liegat, Mattea Reinelt, und Julia Thiel
im Namen der betroffenen Elternschaft