Sehr geehrte Frau Senatorin Bekeris,
mit Bestürzung haben wir erfahren, dass die Archivpädagogik am Staatsarchiv gestrichen werden soll - trotz unserer bereits geäußerten Bedenken. Wir wenden uns daher nun auch öffentlich an Sie mit der dringenden Bitte, diese Entscheidung zu überdenken und zurückzunehmen. Eine solche Entscheidung würde die historisch-politische Bildung an den Hamburger Schulen schwächen und einen bewährten außerschulischen Lernort in seiner pädagogischen Wirkung massiv beschneiden.
Archive sind das Gedächtnis unserer Demokratie. Die Beschäftigung mit ihren Beständen eröffnet jungen Menschen einen unmittelbaren Zugang zu historischen Entwicklungen, gesellschaftlichen Konflikten und demokratischen Lernprozessen. Sie erkennen Kontinuitäten und Brüche und setzen historische Erfahrungen in Beziehung zu ihrem heutigen Leben und unserem gegenwärtigen Zusammenleben. Damit stärkt die Archivpädagogik unmittelbar die politische und demokratische Bildung.
Archivpädagoginnen und Archivpädagogen tragen erheblich dazu bei, den Zugang zu unseren Archiven für junge Menschen zu öffnen - ein bildungspolitisches Anliegen, das in Zeiten von „Fake News“ aktueller denn je ist. Archive sind wie Gedenkstätten und Museen wichtige Orte für den Zugang zu realer Geschichte.
Die Archivpädagogik ist für den Geschichtsunterricht aller Jahrgänge, für das wissenschaftspropädeutische Arbeiten in der Oberstufe und auch für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten von herausragender Bedeutung.
Hamburg gehörte bisher beim Geschichtswettbewerb regelmäßig zu den Bundesländern mit besonders hoher Beteiligung. Das liegt nicht zuletzt an der fachkundigen Unterstützung der Schülerinnen und Schüler durch die Archivpädagogik. Weder Lehrkräfte noch der Beratungsdienst des Staatsarchivs können diese archivpädagogische Arbeit ersetzen. Für die Erschließung von Beständen, die Auswahl geeigneter Quellen und die sachgerechte Arbeit mit Originalmaterial braucht es die qualifizierte Archivpädagogik vor Ort. Die von der Archivpädagogik vorbereitete und begleitete Auseinandersetzung mit historischem Material fördert dabei Quellenkritik, Methodenkompetenz und selbstständiges historisches Denken in besonderer Weise.
Auch unabhängig vom Wettbewerb ist der Besuch des Staatsarchivs mit Schüler:innen ein zentraler Baustein lebendigen Geschichtsunterrichts. Die unmittelbare Arbeit mit originalen Quellen ermöglicht Erfahrungen, die im Klassenraum nicht gleichwertig hergestellt werden können. So kann beispielsweise die soziale Lage von Arbeitern im 19. Jahrhundert anhand von konkreten Originaldokumenten unmittelbar “erfahren” werden. Auch zur Geschichte von Schulen im Nationalsozialismus kann im Staatsarchiv geforscht werden. Mit Unterstützung der Archivpädagogik konnten einige Hamburger Schulen u.a. zur Verfolgung ehemaliger Schüler:innen forschen, wodurch wichtige Erinnerungsarbeit, wie die Verlegung von Stolpersteinen vor Schulen, angestoßen wurde. Solche Projekte werden nach einer Streichung der Archivpädagogik nicht mehr in dieser Art und Weise möglich sein. Insbesondere in den heutigen Zeiten dürfen solche Projekte auf keinen Fall Einsparungen zum Opfer fallen!
Zugleich leistet die Archivpädagogik einen unverzichtbaren Beitrag zur Studierfähigkeit. Schüler:innen lernen wissenschaftliches Arbeiten nicht nur theoretisch kennen, sondern wenden es praktisch an: Sie recherchieren, prüfen Quellen, entwickeln Fragestellungen und arbeiten eigenständig mit Archivbeständen. Gerade dieser praktische Zugang ist ein Kern wissenschaftspropädeutischer Bildung in der Oberstufe.
Hamburger Schulen sind ausdrücklich dazu angehalten, mit außerschulischen Lernorten zusammenzuarbeiten. Das Staatsarchiv ist hierfür ein besonders wichtiger Partner. Zahlreiche Beiträge zum Geschichtswettbewerb, schulische Ausstellungen und Projekte zeigen, wie produktiv diese Zusammenarbeit seit Jahren ist. Die Streichung der archivpädagogischen Stelle würde diese gewachsenen Strukturen empfindlich treffen und den Zugang von Schulklassen zum Staatsarchiv deutlich erschweren, wenn nicht sogar praktisch unmöglich machen. Andere wichtige außerschulische Lernorte in Hamburg können dabei die archivpädagogische Arbeit im Staatsarchiv nicht ersetzen.
Daher fordern wir, die Stelle der Archivpädagogik im Staatsarchiv Hamburg dauerhaft und in vollem Umfang zu erhalten. Einsparungen an dieser Stelle wären Einsparungen an historischer Bildung, wissenschaftspropädeutischer Arbeit und Demokratiebildung. Das halten wir bildungspolitisch für falsch und nicht hinnehmbar.
Wir appellieren deshalb an die Verantwortlichen in Senat und Verwaltung, von einer Streichung der Stelle abzusehen und die erfolgreiche archivpädagogische Arbeit im Staatsarchiv Hamburg verlässlich fortzuführen.
Erstunterzeichnende:
Dr. Helge Schröder, 1. Vorsitzender und Mitglied des Vorstandes des VGD / Fachverband Geschichte und Politik Hamburg, Landesverband des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands e. V.
Natalie Wagner, Fachleitung Geschichte am Gymnasium Allee
Prof. Dr. Andreas Körber, Professor für Erziehungswissenschaft unter bes. Berücksichtigung d. Didaktik der Geschichte und der Politik an der Universität Hamburg
Prof. Dr. Nina Mackert, Professorin für Nordamerikanische Geschichte und Public History an der Universität Hamburg
Birgit Staack
Prof. Dr. Thorsten Logge, Professor für Public History an der Universität Hamburg
Nils Steffen, M. A., Koordinator Public History an der Universität Hamburg
Jan Albroscheit, Fachseminarleiter Geschichte/Politik (LIA 2)
Dr. Marco Claas, Fachseminarleiter Geschichte/PGW, LIA2
Meike Köhler, Fachseminarleiterin Geschichte/PGW (LIA 2)
Dr. Carmen Bisotti, Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Projekt Geschichtomat
Dr. Jan Matthias Hoffrogge und Dr. Annekatrin Schaller, Arbeitskreis Archivpädagogik und Historische Bildungsarbeit im Verband deutscher Archivarinnen und Archivare
Sven Quiring, Vorsitzender der GEW Hamburg
Ramses Michael Oueslati, Lehrerfortbildner Fach Gesellschaft und Geschichte
Prof. Dr. Franklin Kopitzsch, Vorsitzender des Vereins für Hamburgische Geschichte
Hendrik Althoff, Institut für die Geschichte der deutschen Juden